Made in Switzerland

Zurück in die Zukunft: Sbarro Challenge

Nein, das ist kein Cover-Shooting für ein neues Daft-Punk-Album. Vor Ihnen steht eines der verrücktesten Autos, das je in der Schweiz gebaut wurde: der Sbarro Challenge.

Veröffentlicht am 08.08.2026

1985 war ein grossartiges Jahr: Die Nintendo-Konsole kam auf den Markt, im Kino lief «Zurück in die Zukunft», MTV übertrug Live Aid – und am Genfer Autosalon landete ein UFO. Es war kein Meteorit aus einer anderen Design-Galaxie, der Sbarro Challenge kam aus der Nachbarschaft. Vom Neuenburger Designer Franco Sbarro und seinem Atelier de Construction Automobile (ACA) war man zwar seit den frühen 1970er-Jahren einige Verrücktheiten gewohnt. Doch der Challenge war eine Kampfansage.

Der Sbarro Challenge sollte kein statisches Showcar sein und keine Einzelanfertigung für die Sammlung eines Scheichs, sondern der Prototyp einer Kleinserie. Ein Cyberpunk aus der Zukunft – so abgefahren, dass selbst italienische Sportwagenbauer bei der Präsentation kurz ihren Espresso verschütteten.

Wahnsinn auf Rädern 

Formal ist das Design eine Sensation. Eine keilförmige Unibody-Struktur, so reduziert, dass die Front wirkt, als würde sie den Asphalt pflügen, während das fulminante Heck das Auto vorwärtstreibt wie eine Rakete im Tiefflug. Und das ist nicht einmal metaphorisch gemeint. Sbarro dachte Aerodynamik radikal. Der Luftwiderstandsbeiwert liegt bei 0,26 – ein Wert, der selbst heute noch beeindruckt und den viele moderne Sportwagen kaum erreichen.

Der Challenge besitzt keine Aussenspiegel. Stattdessen sitzt eine Kamera oberhalb des linken Rücklichts. Und das 1985. Der Scheibenwischer rotiert wie ein Propeller. Auf dem Dach sitzen zwei ausfahrbare Finnen als Luftbremsen. Heute visionär, damals schlicht verrückt. Wir wären gerne am Tisch gesessen, als Franco Sbarro dem saudischen Geschäftsmann Joseph E. Adjadj das Projekt präsentierte. Statt ihn für wahnsinnig zu erklären, zückte Adjadj das Portemonnaie und finanzierte eine geplante Kleinserie von zehn Exemplaren.

Immer extremer 

Ein Jahr später legte Sbarro nach. 1986 stellte er auf dem Genfer Autosalon eine modifizierte Version vor: den Challenge 2+2. Er erhielt zwei zusätzliche Sitze und ein überarbeitetes Armaturenbrett. Unter dem futuristischen Kleid arbeitete bewährte Technik: der Motor aus dem Porsche 930 Turbo – ein Sechszylinder-Boxer mit rund 300 PS. Der Challenge II verlor allerdings den Allradantrieb seines Vorgängers. Auch das Automatikgetriebe verschwand zugunsten einer manuellen Fünfgang-Schaltung. Allrad und Automatik – der Sportwagenmarkt war damals schlicht noch nicht bereit dafür.

Der Challenge III folgte 1987. Beim letzten Update stieg die Leistung auf rund 400 PS. So futuristisch der Wagen aussah, so exklusiv war er auch. Der Neupreis lag bei rund 320 000 Franken. In den 1980er-Jahren bekam man dafür ein Chalet in bester Lage.

Der Absturz 

Während der Challenge immer extremer wurde, befand sich auch die Weltwirtschaft im Höhenflug – besonders der Aktienmarkt. Fünf Jahre lang kannte der Dow Jones praktisch nur eine Richtung: nach oben. Die Euphorie endete abrupt am 19. Oktober 1987, dem «Schwarzen Montag». Der Dow Jones verlor an einem einzigen Tag 508 Punkte – ein Absturz von über 22 Prozent. Die Börsen weltweit gerieten ins Beben.

Auch ein gewisser Herr Sawada aus Japan wurde vom globalen Pleiten-Tsunami erfasst. Er hatte einen silbernen Sbarro Challenge mit rotem Interieur bestellt. Leider konnte er sich nie daran erfreuen. Franco Sbarro erinnert sich später: «Ich habe das Auto aus dem bankrotten Nachlass gekauft – für meine Ausstellung in Pontarlier.» Später verkaufte er den Challenge an den ehemaligen Rennfahrer Fredy Lienhard. Heute steht der Wagen im ehemaligen Alkoholtank des Autobau-Museums in Romanshorn – konserviert wie ein Artefakt aus einer anderen Dimension. Auf dem Tacho: gerade einmal 231 Kilometer.

Der Letzte seiner Art 

Der Sbarro Challenge mit der Fahrgestellnummer CH008 ist das letzte produzierte Exemplar der Kleinserie. Das macht ihn noch spezieller. Heute wirkt der Sportwagen wie eine Reise in die Zukunft der Vergangenheit.

Einen Fluxkompensator besitzt er zwar nicht – aber immerhin einen VHS-Rekorder und einen zentralen Bildschirm, auf dem man «Zurück in die Zukunft» schauen könnte. Der japanische Besitzer wollte offenbar möglichst viel Elektronik an Bord haben: Equalizer, Audiokomponenten und allerlei technische Spielereien – damals absolute Must-haves.

Kühe, Bäume, Elektroladen

Fast konventionell wirkt dagegen das Connolly-Leder, das zu jener Zeit vor allem Rolls-Royce und Aston Martin verwendeten. Dazu Holzfurniere, die angesichts des futuristischen Designs fast absurd wirken. Wie früher bei Volvo sitzt die Handbremse links vom Fahrersitz. So bleibt die fulminante Mittelkonsole frei für all die elektronischen Knöpfe – und davon gibt es viele. Je mehr, desto besser. Wer glaubt, dass dieser Luxus auf die Hüfte schlägt, wird überrascht sein. Trotz Kuhherde, Baumschule und Elektronikladen wiegt der Sbarro Challenge nur rund 1350 Kilogramm. 

Challenge Baby

Es geht noch leichter. Sbarro baute häufig sogenannte «Babys» – Kinderautos. Mini-Versionen legendärer Modelle wie Ferrari Testarossa, BMW 328 oder Mercedes-Benz 540 K. Auch vom Challenge entstand eine solche Version – inklusive der Flügeltüren und des abnehmbaren Dachs. Technisch hat das mit einem Tretauto wenig zu tun. Der Challenge Baby wiegt rund 200 Kilogramm und erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von etwa 100 km/h. Angetrieben wird er von einem 36-PS-Honda-Motor im Heck. Sicherheit spielte in den 1980er-Jahren eine eher untergeordnete Rolle. Helme trugen damals nur Rennfahrer oder Stuntmen, die über Schluchten sprangen. Das Leben war ein Risiko – aber alles schien möglich. Sogar ein Auto wie der Sbarro Challenge.

Box: GalacticSwissCosplay

Der Challenge stand 1985 auf dem Genfer Autosalon wie Daft Punk auf der Bühne eines Volksfests: komplett aus einer anderen Welt. Für unser Shooting schlüpften Ricardo Pinto und sein Sohn Ilario Pinto in die Kostüme des legendären französischen Electro-Duos. Die ikonischen Roboterhelme hat Ricardo Pinto selbst entworfen und mit einem 3D-Drucker hergestellt – echte Cosplay-Eigenproduktion. Die Kombination passt perfekt: zwei Roboter aus der Zukunft neben einem Auto, das aussieht, als wäre es ebenfalls aus einer anderen Zeit hierher teleportiert worden.

Unter dem Namen GalacticSwissCosplay ist die Familie regelmässig an Cosplay-Events unterwegs. Besonders gross ist ihre Leidenschaft für das Star-Wars-Universum, in dem sie ebenfalls als verschiedene Figuren auftreten.

Text: Jürg Zentner

Bilder: Christian Lienhard

Models: Ricardo und Ilario Pinto

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