Ferrari 365 GTC/4

Il Gobbone – im Schatten des Daytona

Lange Zeit wurde der Ferrari 365 GTC/4 unterschätzt. Zu Unrecht. Das Zwölfzylinder-Konzert hätte Verdi nicht besser komponieren können, das Interieur wirkt stylisher als ein Designhotel – und hinten gibt es sogar zwei Kindersitze.

Veröffentlicht am 16.02.2026

Der Ferrari 365 GTC/4 ist wieder so ein Auto aus der Kategorie «Hätten wir den doch vor 30 Jahren gekauft!». Damals war der Preis im Keller. Warum? Den Oldschool-Ferraristi war der GTC/4 zu modern, den Modernisten zu klassisch. Beide lagen daneben.

Schluss mit Chrom

Vorgestellt wurde der 2+2-Sitzer am Genfer Automobilsalon 1971. Die neue 365er-Generation orientierte sich an den in Amerika boomenden Muscle-Cars. Schluss mit Chrom und lieblichen Rundungen. Das liess die Modernisten jubeln, während die Traditionalisten das Ende der Marke besangen.

Zudem stand der GTC/4 schon bei seiner Premiere im Schatten des spektakulären Daytona, des Spitzenmodells der Serie, der seit 1969 unterwegs war. Während der Daytona in jeder Kurve brüllte, war der GTC/4 der feingeistige Cousin mit exquisiten Manieren. Trotzdem war er technisch eng verwandt: Motor, Chassis und Fahrwerk stammten vom Daytona. Pininfarina nahm dem Design das Brachiale und zeichnete eine flache, fast schüchterne Front, ein dezentes Heck und eine Silhouette, die als «il Gobbone» – der Bucklige – belächelt wurde.

V12-Kunstwerk

Höchste Zeit also, den «Familien-Daytona» neu zu würdigen. Viele bezeichnen ihn als «best-sounding Ferrari ever made». Der 4,4-Liter-V12 ist ein Kunstwerk aus einer Epoche, in der die Mischung aus Vergasern, Mechanik und Mut eine Klangkulisse erzeugte, die dramatischer tönte als jede Oper. Entwickelt wurde das Triebwerk von Gioacchino Colombo, dem legendären Konstrukteur, der seit den 1930er-Jahren siegreiche Rennmotoren für Alfa Romeo, Ferrari und Maserati baute.

Mit 340 PS lag 1971 eine Höchstgeschwindigkeit von 260 km/h drin. Heute fährt kaum jemand noch so schnell, aber unter Kennern gilt der 365 GTC/4 als einer der angenehmsten und kultiviertesten klassischen V12-Ferrari. Ideal zum entspannten Cruisen entlang der Seestrasse – ebenso wie für sportliche Passfahrten, bei denen man ungeniert in der offenen Schaltkulisse rühren kann.

Doch der GTC/4 kam zur falschen Zeit. Die Ölkrise verdarb die Freude an schönen, schnellen Autos. Nur rund 505 Exemplare entstanden in zwei Jahren.

Schweizer Geschichte

Dieser rote 365 GTC/4 wurde im Mai 1972 erstmals in der Schweiz ausgeliefert und gehörte lange zu einer renommierten Ostschweizer Sammlung. Vor rund 25 Jahren wechselte er innerhalb der Besitzerfamilie. Das unrestaurierte Exemplar erhielt in den vergangenen Jahren ein umfassendes Refit: Motor, Lack, Fahrwerk, Bremsen und Interieur wurden professionell überarbeitet. Da dieser Ferrari nie sportlich bewegt wurde, sind Unterboden und Fahrwerk vollständig unversehrt.

Keine Frage: Der GTC/4 zählt zu den komfortabelsten Sportcoupés seiner Zeit und besticht durch seine extravagante Innenausstattung – inklusive des berühmten Connolly-Dufts, der an einen italienischen Gangsterfilm aus den 1970er-Jahren erinnert.

All das macht ihn heute zu einem begehrten Sammlerfahrzeug. Besonders dieses Exemplar, das Goodtimer.ch für 265 000 Franken anbietet. Zu teuer? Dann hätten Sie halt vor 30 Jahren zuschlagen sollen …

Fazit

Es gibt Ferraris, die nach Aufmerksamkeit schreien – und es gibt den 365 GTC/4. Ein Coupé, das so kultiviert auftritt, dass man fast übersieht, wie viel italienisches Feuer unter der langen Haube lodert. Ein Wolf im Smoking, ein GT für Menschen, die lieber fahren als posieren.

Text: Jürg Zentner

Bilder: Christian Lienhard (lienhardbildwerke.ch)

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