
Der Bus – mein natürlicher Feind
Es gibt zwei Dinge, die ich hasse. Bus fahren. Und Bus fahren. Damit meine ich sowohl im Bus zu sitzen als auch einen Bus zu fahren. Beides fühlt sich jedes Mal so an, als wäre ich am falschen Ort zur falschen Zeit in einem Film gelandet, in dem ich nicht mitspielen möchte.
Zum Abholen von Pressefahrzeugen werden wir Autojournalisten nicht chauffiert. Wir reisen mit dem öffentlichen Verkehr an, damit das eigene Auto nicht traurig auf einem Parkplatz im Kanton Aargau steht und über sein Leben nachdenkt. Einige Importeure erreicht man nur mit dem Bus. Und nichts macht mir mehr Bauchweh als Busfahren.
Nach drei Minuten beginnt mein Magen zu diskutieren. Nach fünf Minuten kapituliert er. Vor allem dann, wenn der Bus-Chauffeur die Strecke so gut kennt, dass er Kurven schneidet und durch Kreisel rotiert wie eine Wilde-Maus-Achterbahn, aber ohne Sicherheitsbügel. Warum muss man sich im Auto anschnallen, aber im Nahverkehrsbus gibt es nicht einmal die Option dazu? Was soll schon passieren, wenn man sich am Haltegriff festhalten kann oder eine Metallstange auf Nasenhöhe hat?!
Zum Glück fahre ich nicht oft Bus – ich fahre eher Busse. Zum Testen. Und da beginnt das nächste Rätsel. Ich verstehe den Bus als Arbeitsgerät. Für Handwerker, Lieferdienste, Personentransporte. Alles logisch. Was ich bis heute nicht kapiere: Warum sich Privatpersonen freiwillig einen Bus kaufen. Früher waren es höchstens strenggläubige Grossfamilien, heute sind es Kleinfamilien, die sich so einen Schiffscontainer anschaffen. Vier Personen, ein Hund und ein Fünf-Meter-Fahrzeug, das zwei Meter hoch wie breit ist. Warum?
Wenn das Kind nicht drei Meter gross oder 250 Kilogramm schwer ist, steht der Raum hinter der Fahrerkabine die meiste Zeit leer. Totraum auf Rädern. Wohnfläche ohne Bewohner – nicht sehr umweltbewusst. Wie beim Gelände- oder Sportwagen erfüllt auch der Bus mit seiner Existenz nur einen Bruchteil seiner eigentlichen Bestimmung.
Besonders absurd wurde es in der Coronazeit. Camping-Boom. Freiheit! Abenteuer! Hippie-Träume! Viele Cool-Dads wollten sich damit ein Stück Freiheit kaufen. Einfach drauflos fahren mit der Familie, «weisch wiä cool …». Diese Freiheit endet spätestens dann, wenn jemand Hunger hat. Oder schlafen muss. Oder aufs WC. Ohne Zubehör geht nichts, mit Zubehör wird es teuer. Sehr teuer. Das ist der Preis der Freiheit.
Die Realität eines Busses ist: Er ist zu hoch, zu breit, zu lang. Jedes Parkhaus wird zur existenziellen Bedrohung. Und man fährt meist alleine, nicht zu siebt nach Portugal, sondern allein zum Bäcker. Und bewegt dabei einen Moby Dick durch die Quartierstrasse, verbrennt Benzin wie ein Löschflugzeug und ist langsamer unterwegs als ein Kleinwagen mit Motivationsproblemen.
Besonders absurd finde ich, wenn sich Hippie-Bus-Besitzer einen Sonnenstore an das Auto hängen. Das unsinnigste Auto-Accessoire der Welt. Fährt ganzjährig mit, wird aber nur einmal im Juni für eineinhalb Stunden benutzt und schützt weder vor Morgen- noch vor Abendsonne. Aber hey: sieht halt nach Freiheit aus.
Der Alltag wird auch nicht einfacher. Der Kofferraum ist nicht grösser als beim Fiat Grande Panda – ausser man faltet die Sitze zu einem Innenraum-Origami. Dann wird der Einkauf bei einer Vollbremsung zum Geschoss. Spätestens wenn die Sitze umgelegt sind, wird man auch zum «Freund mit dem Bus». Zügeln? Klar. Festival? Du fährst, wir schlafen alle hinten. Formel-1-Ausflug? Du bleibst nüchtern. Während die anderen Bier kippen oder den Joint kreisen lassen, sitzt du hinter dem Lenkrad und denkst über deine Lebensentscheidungen nach. Selber schuld. Wer einen Bus kauft, meldet sich freiwillig als Gango-Bringo seines Umfelds.
Text: Jürg Zentner, Redaktor auto-illustrierte


