Drive Bentley Continental GT S / GTC S

No Limits mit eLSD auf dem TT-Kurs

Isle of Man statt Mayfair, Landstrassen-Racing statt Lounge-Präsentation. Bentley schickte uns für den neuen Continental GT S / GTC S dorthin, wo normalerweise nur Verrückte auf Motorräder unterwegs sind: auf den legendären Tourist-Trophy-Kurs.

Veröffentlicht am 28.04.2026

«How many bikes? How many body parts?» Diese Frage stellt sich die Ambulanz der legendären Tourist Trophy als erstes, wenn sie zu einem der vielen Unfälle gerufen wird. Über 260 Teilnehmer verloren bei diesem Strassenrennen bereits ihr Leben. Und jedes Jahr werden es mehr. Zynischerweise zeigt die Flagge der Isle of Man drei Beine, die ein Rad formen. Ursprünglich hatte das eine andere Bedeutung – heute wirkt es eher wie ein Fanal.

Gefährlichster Kurs der Welt

Eigentlich ist die Isle of Man bloss eine 572 Quadratkilometer grosse Insel zwischen Irland und England. Wunderschöne, hügelige Landschaften mit grasenden Schafen und Rindern, Steinmauern, Cottages – wie aus einem britischen Tourismusprospekt. Nichts deutet darauf hin, dass diese lieblichen Landstrassen der gefährlichste Racing-Track der Welt sind.

Der 60,7 Kilometer lange TT-Kurs führt durch Dörfer, über Hügel, durch Täler, entlang von Steinmauern und Hecken, vorbei an Hauseinfahrten, Telefonmasten und Pubs. Alles Dinge, die auf einer Rennstrecke eigentlich nichts verloren haben – hier aber zur Grundausstattung gehören. Über 200 Kurven gibt’s unterwegs, jede anders, keine verzeihend. Mit über 320 km/h rasen die Maniacs über holprige Landstrassen – oft nur noch auf einem Rad oder gar keinem mehr. Die Fahrer beschreiben das Gefühl so: «Das ist etwa so, wie wenn du mit 200 km/h versuchst, einen Faden in eine Nadel zu stecken.»

Kein Tempolimit 

Als wäre das nicht verrückt genug: Wenn kein Rennen stattfindet, ist der Track für alle geöffnet. Denn ausserorts gibt es kein generelles Tempolimit. Die Insel hat ihr eigenes Recht – und London kann daran bis heute nichts ändern. Viele Briten nutzen diese Gesetzeslücke, um mit der Fähre rüber zu setzen und ihre Supersportwagen über den TT-Kurs zu prügeln. 

Seit 1907 findet hier die legendäre Tourist Trophy statt, seit 1923 nur noch für Motorräder. Doch auch Bentley hat hier Geschichte geschrieben: 1922 gewann Frank Clement eines der ersten grossen Rennen für die junge Marke. Hier wurde der Mythos Bentley mitbegründet. Und genau hierher kehrt die Marke für die Präsentation des neuen Continental GT S / GTC S zurück.

Cyber Yellow Flash

Ich entscheide mich für die Cabriolet-Variante GTC S in Cyber Yellow. Dezenter geht natürlich immer – aber warum sollte man? Schliesslich ist Bentley sehr stolz auf ihre neue Lackierhalle an der Pyms Lane in Crewe. Der GT S / GTC S erkennt man an der breiteren Spur, schwarzen Details und diesem leicht aggressiven Unterton. Dezent, aber dennoch selbstbewusst, positioniert sich der Continental GT S gleich unter dem Bentley Continental GT Speed. 

Luxus Beef 

Schon in den ersten Sekunden weiss man, dass man in einer anderen automobilen Wirklichkeit angekommen ist. Der Geruch, die Haptik, die Verarbeitung – und natürlich das Leder aus zwölf skandinavischen Rindern, weil es dort keine Stacheldrahtzäune und kaum Mücken gibt. Luxus bis ins Detail. Die gelben Applikationen erinnern daran, dass man hier nicht nur sitzen kann, sondern auch Autorennen spielen darf.

Rund 90 Prozent der originalen TT-Strecke stehen heute auf dem Programm. Ich verstehe es als offizielle Lizenz zum «Löten», als mir Bentley die Schlüssel in die Hand drückt und mit einem Lächeln eine gute Fahrt wünscht. Mutig.

Falsche Einstellung

Ich rolle zunächst elektrisch los. Leise. Schüchtern. Falsche Einstellung. Ein Dreh am Modus-Schalter – Sport. Der V8 meldet sich. Und wie. Röhrend, bissig, herausfordernd. Unter der Haube arbeitet ein 4,0-Liter-Biturbo-V8, kombiniert mit einem Elektromotor. 680 PS, 930 Nm. 0–100 km/h in 3,7 Sekunden, Spitze 308 km/h. Das Ganze nennt Bentley «High Performance Hybrid». Klingt vernünftig. Ist es nicht.

Nachdem ich hinter ein paar Lieferwagen durch die Dörfer schleichen musste, heisst es endlich: Vollgas voraus. Der Elektromotor schiebt sofort an, kein Turboloch, kein Zögern – einfach «straight» Vortrieb. Gnadenlos schnellt die virtuelle Tachonadel Richtung «Madness». Die Strasse wird zur Achterbahn, die man selbst steuert. What a ride!

Dass man sich auf einem Race-Track befindet, merkt man unter anderem an den Kurven-Info-Tafeln. Wer diese bei 300 km/h nicht lesen kann, landet früher oder später in einer der unzähligen Gummimatten entlang der Strecke. Die schützen weniger die Motorradfahrer als vielmehr die Hauseigentümer, die es leid sind, deren Reste von der Fassade zu kratzen.

Wie eine Hummel 

Schon nach den ersten Kurven merkt man – das Cabrio fühlt sich trotz rund 2,6 Tonnen erstaunlich leicht und wendig an. So wie eine Hummel theoretisch auch nicht fliegen kann, es aber trotzdem tut, entpuppt sich der GTC S als Kurvenjäger mit Manieren. Die Hinterachslenkung hilft beim Einlenken, das aktive Fahrwerk hält den Aufbau flach, das Drehmoment verteilt sich intelligent zwischen den Achsen. Ich hänge sogar die BMW-Bikes ab, die mir auf der Bergstrecke im Nacken sassen, aber vor den Kurven einknickten, während ich den GTC S um die Ecken schmeisse, als wäre der schwere Gran Turismo ein leichter Roadster. Hinten tänzelt das Heck ein bisschen mit – genau so viel, wie man es sich wünscht. Und genau so, wie Bentley es vorgesehen hat.

eLSD sei Dank

Nein, eLSD ist keine neue Droge. Oder vielleicht doch? Es steht für elektronisch geregeltes Sperrdifferenzial. Es verteilt das Drehmoment gezielt an jedes Rad. Im Continental GTC S sitzt es an der Hinterachse und arbeitet eng mit Allrad, Torque Vectoring und Fahrwerk zusammen. Das bedeutet: mehr Traktion, sauberer Ausgang, kontrolliertes Drama.

Im nächsten Dorf rollt der Continental wieder vollelektrisch und leise durch die engen Strassen, als wäre nichts gewesen. Wie ein Gentleman, der gerade noch mit einem Löwen gekämpft hat, auf dem Weg ins Pub. Plötzlich ist er wieder der klassische Bentley: ruhig, souverän, höflich grüssend. Die Luftfederung filtert das Kopfsteinpflaster innerorts weg, als wäre die Realität optional. Bis zu 78 Kilometer vollelektrische Reichweite liegen drin. Kombiniert spart man damit viel kostbares Benzin. Den Verbrauch gibt Bentley mit 4,3 Liter auf 100 Kilometer an. Wir halten das für sehr sportlich, ganz besonders bei sportlicher Fahrt. Ich habe auf meinen drei Runden TT-Kurs jedenfalls rund das Dreifache verbraucht. Aber Isle of Man ist ja nicht jeden Tag. Schade. 

Fazit

Der GT S ist der Sweet-Spot zwischen Luxusliner und Sportgerät. Er kann beides, sowohl anständig als auch unanständig sein – Gentleman und Bad Boy. Und die Isle of Man ist der perfekte Ort dafür. No Limits. Ganz besonders mit offenem Dach.

Text: Jürg Zentner

Bilder: Bentley

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