Abarth 600e Scorpionissima

«… aber es ist ein Abarth!»

Ein Auto testet man selten allein. Man testet es mit Erinnerungen, Vorurteilen – und manchmal mit der gnadenlosen Ehrlichkeit der eigenen Familie. Beim Abarth 600e Scorpionissima kam alles zusammen.

Veröffentlicht am 05.05.2026

Von wegen «alte Liebe rostet nicht»: Mein erstes Auto war ein Fiat Ritmo Abarth 125 TC. Recaro-Sitze, Momo-Lenkrad, Koni-Fahrwerk – damit sägte ich jeden GTI ab und brachte sogar Porsche-944-Fahrer zum Weinen. Die Liebe war intensiv, aber kurz: Ein durchgerostetes Bodenblech bzw. die MFK beendete unsere Beziehung frühzeitig. Der Abarth-Skorpion aber brannte sich ein wie ein Tattoo.

Die Vorfreude auf den Abarth 600e Scorpionissima war entsprechend gross. Die Rose im Revert hätte ich mir sparen können. Ich hab den Abarth im Fiat 600e sofort wiedererkannt – trotz altersbedingter Sehschwäche. Der gelbe Abarth-Scorpion ist unübersehbar. Wohin man auch schaut – Skorpione überall. Kennt man den Kontext nicht, könnte man sich an eine «Dschungelcamp-Prüfung» erinnert fühlen. Auch die Farbe «Hypnotic Purple» ist gewöhnungsbedürftig. Die Alternativen wären «Shock Orange» oder «Acid Green».

Alte Liebe, neues Plastik

Der brave Fiat 600er wurde sichtbar aggressiver gemacht, fast schon pubertär. Dazu passt der Soundgenerator der getesteten Scorpionissima-Version. Er brabbelt im Stand – und lässt sich zum Glück auch ausschalten. Der Plastik-Heckspoiler wirkt mehr wie ein Spielzeug als Aerodynamik. Aber seien wir mal nicht so: Über den Ritmo Abarth sagte man früher auch, er sei eine hässliche Plastikkiste. Bei einem Abarth geht es eben um die inneren Werte, die da lauten: 207 kW/280 PS, 0–100 km/h in 5,85 Sekunden. 

Der Abarth 600e ist kein Badge-Tuning. Stellantis hat den Fiat 600e gründlich überarbeitet und den Power-Fiat auf eine eigene Performance-Plattform gestellt, die er sich mit dem Alfa Romeo Junior Veloce teilt. Dazu ein neuer, auf dem Formel-E-Prüfstand entwickelter Elektromotor, Torsen-Sperrdifferenzial, spezielle Batteriekühlung, Rennsportbremsen, ein straffer abgestimmtes Fahrwerk etc.  

Aggressiv, beinahe pubertär

Als Erstes wollte ich wissen, ob das Bodenblech hält oder herausfällt wie bei meinem Ritmo-Abarth. Also drücke ich das Gaspedal ein paar Mal voll durch. Der Vorschub ist tierisch, als hätte ein Skorpion dem Kleinen in den Hintern gestochen. Die Alcon-Sportbremsen packen entschlossen zu, die Sabelt-Sportsitze halten einen in Position. Doch in schnellen Kurven neigt der Abarth zum Untersteuern. Zwar erlaubt der Modus «Scorpion Track» mehr Spielraum, aber auf einer schmalen, kaltnassen Bergstrasse reizt man die Physik besser nicht aus. Fuss lupfen, Puls runter – nächste Ladestation anfahren.

Spass oder Reichweite – such dir eins aus

Der Verbrauch ist enorm, wenn man mal Gutzi gibt. Der Akku mit 51 kWh ist an der unteren Grenze der Zumutbarkeit. Man hat die Wahl: ankommen oder Spass haben. Beides klappt gleichzeitig nur mit Ladepause. Aber auch das ist irgendwie authentisch. Mein Ritmo Abarth soff früher über 20 Liter, wenn ich GTIs durch Toggenburgs Hügel und Täler jagte. Nostalgie ist kein objektiver Berater.

Beifahrerurteil (gnadenlos)

Nicht so meine Frau. Sie fährt seit 25 Jahren denselben Mini Cooper und beurteilt Autos nach kompromisslosen Kriterien.

Farbe? «Um Himmels willen.»
Form? «Sieht nicht sportlich aus.»
Sitze? «Viel zu hart und zu eng.»
Federung? «Damit kann man weder Mutter noch Kind rumfahren ohne eine Gehirnerschütterung.»
Sound? «Nervig.»
Musikanlage? «Grottenschlecht.»

Ihr Fazit: «Dieses Auto braucht niemand.»
Mein Einwand: «… aber es ist ein Abarth.»

Ihre Replik: «Was schreiben denn die anderen?»
Antwort: «Na ja, dass er zu hart, zu laut und zu teuer sei.»
Sie: «Siehst du.»

Touché.

FAZIT AI-TEST-TEAM

Der Abarth 600e Scorpionissima ist kein Vernunftauto. Er ist unbequem, laut, durstig und gnadenlos. Genau deshalb ist er ein echter Abarth. Wer Reichweite, Komfort und Harmonie sucht, ist hier falsch. Wer aber Lust auf elektrischen Krawall, kantigen Charakter und ein Auto hat, das keine Rücksicht nimmt – weder auf Bandscheiben noch auf Konventionen –, der wird ihn lieben. Oder hassen. Dazwischen gibt es nichts.

Abarth – mehr als ein Skorpion

1949 gründete der in Wien geborene Rennfahrer Carlo Abarth seine eigene Sportwagenmanufaktur. Sein Markenzeichen: der Skorpion – klein, giftig, gefürchtet. Ab 1955 machte er aus dem Fiat 600 einen Porsche-Jäger. Bis zum Verkauf an Fiat 1975 sammelte Abarth Hunderte Rennsiege. 1980 gewann Walter Röhrl im Fiat 131 Abarth die Rallye-WM. Der 600e Scorpionissima steht genau in dieser Tradition: unvernünftig, laut, kompromisslos. Oder kurz gesagt: … aber es ist ein Abarth.

PLUS/MINUS

Plus

  • Brutaler Antritt und echte Abarth-Performance
  • Torsen-Sperrdifferenzial und standfeste Bremsen
  • Eigenständiger Charakter statt Einheits-EV
  • Endlich wieder ein Abarth mit Ecken und Kanten

Minus

  • Sehr harte Abstimmung, wenig Alltagskomfort
  • Hoher Verbrauch bei sportlicher Fahrweise
  • Kleine Batterie, eingeschränkte Reichweite
  • Preis ambitioniert, Soundgenerator Geschmackssache

TECHNISCHE DATEN

Abarth 600e Scorpionissima

Antrieb
Elektromotor vorn
Leistung: 207 kW/280 PS
Drehmoment: 345 Nm
Antrieb: Frontantrieb mit Torsen-Sperrdifferenzial

Fahrleistungen
0–100 km/h: 5,85 s
Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h

Batterie & Laden
Batterie: Lithium-Ionen
Energieinhalt netto: 51 kWh
Ladeleistung AC/DC: 11/100 kW

Verbrauch & Reichweite
WLTP-Reichweite: 321 Kilometer
Test Reichweite sportlich: ca. 160 Kilometer

Energieeffizienz-Kategorie: C

Masse
Länge: 4187 Millimeter
Breite (mit Spiegeln): 1981 Millimeter
Höhe: 1557 Millimeter

Radstand: 2562 Millimeter

Leergewicht: rund 1700 Kilogramm

Preis Schweiz
Grundpreis: CHF 43.400

Testwagen: CHF 47.400

Text und Bilder: Jürg Zentner

<< Zurück zur Übersicht

Das könnte Sie auch interessieren: